Hans Driesel, Schauspieler und Kabarettist vom Schrotturmtheater Schweinfurt, war an der Berufsschule Main-Spessart in Karlstadt zu Gast. Kann man Berufsschüler für einen Dichter begeistern, dessen Lebenswerk weit mehr als 100 Jahre alt ist? Dem Rezitator Hans Driesel gelang dies spielend. Und das nicht nur, weil er den jungen Menschen die allseits bekannten Verse von „Max und Moritz“ in Erinnerung rief.
Wer kennt nicht die zahllosen Reime, die längst Allgemeingut geworden sind und den Rang von Sprichwörtern angenommen haben: „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.“ Oder „Es ist bekannt seit Alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ Im bürgerlichen Haushalt des 19. Jahrhunderts war Wilhelm Busch bekannt, denn neben der Bibel und dem Kochbuch der Mutter, gehörte sein großformatiges Album zur Standardausrüstung der Hausliteratur. Und so war den Menschen des vorletzten Jahrhunderts sicher auch der kürzeste Heiratsantrag aller Zeiten aus der „Knopp-Trilogie“ bekannt: „Mädchen“, sprach er, „sag'mir ob,“ und sie lächelt: „Ja, Herr Knopp.“
Hans Driesel verstand es meisterhaft, den jungen Berufsschülern mit ausgewählten Zitaten und Gedichten die Genialität des Dichters zu veranschaulichen. Gleichzeitig erlebten sie in einem einprägsamen und feinsinnigen Zeitspiegel den bürgerlichen Charakter des 19. Jahrhunderts. Eine Zeit der Großmannssucht, des übersteigerten Geltungsbedürfnisses und die letztendlich geistige Eingeschränktheit seiner Zeit mit einer fast heuchlerischen Doppelmoral. Selbst Golo Mann wagte – wie Hans Driesel zitierte – die provokante Aussage: „Wer etwas wissen will über das Bürgertum des 19. Jahrhunderts, der erfährt bei Busch mehr als in manch wissenschaftlicher Abhandlung.“
Und gerade weil seine lustigen Bildergeschichten so harmlos daher kamen, die Bilder so drollig wirkten und die Verse so eingängig klangen, erkannten die wenigsten seiner Leser, dass sie es selber waren, die der weise Poet bloß stellte.
Wilhelm Busch traut den Menschen alles zu, nur nichts Gutes und dennoch kommt die Moral mit einem augenzwinkernden Lächeln – humorvoll eben – daher. Diese seine einfühlsame Genialität, wie auch seine dichterische und zeichnerische Professionalität erklären den Erfolg des meist gelesenen Dichters des 19. Jahrhunderts und haben ihn bis heute als literarischen Klassiker erhalten.